Pierre Amstutz – die Schweizer Uhrmacherkunst verliert einen ihrer grossen Bewahrer

Er war der Hüter des überlieferten Wissens und Könnens der Uhrmacherkunst: Pierre Amstutz, Direktor der Genfer Uhrmacherschule, sollte zwei bedeutenden Einweihungen beiwohnen. Doch als die Zeit gekommen war, das festliche Band zu durchschneiden, ging er in aller Stille von dannen…

An jenem Abend, als der Grand Prix d’Horlogerie de Genève 2023 gefeiert wurde, war er mit dabei. Viele haben ihn gesehen. Ein Händedruck folgte auf den anderen – zum letzten Mal. Denn in der Nacht des 10. November wurde es uns eng ums Herz. Das ungläubige Erstaunen wich den Erinnerungen und Ehrerbietungen.

Eine neue Ära
Was für eine Ungerechtigkeit! Er verpasste seine Feier, den Abschluss ‘seiner’ gigantischen Baustelle. Die Feier hätte nur wenige Tage später stattfinden sollen, mit ihm als Zeremonienmeister der offiziellen Einweihung der Schule in ihren neuen Räumlichkeiten und unter der Schirmherrschaft von Anne Hiltpold, die das Departement für Erziehung, Bildung und Jugend (DIP) leitet. Das Schicksal wollte es anders, und dank der grosszügigen Unterstützung der ForPro-Stiftung, die vollständig von Rolex finanziert wird, findet der Unterricht nun in einem neuen, speziell dafür vorgesehenen Raum im Herzen des neuen Complexe Tourbillon in Plan-les-Ouates statt. «Der Unterricht wurde vor vier Tagen in dem neuen Gebäude wieder aufgenommen, das das Ergebnis seiner Arbeit ist», bekennt der stellvertretende Schulleiter Stéphane Cruchaud bewegt

Auch Carmelo Armeli, Experte für Fälschungen und ehemaliger Kollege des Verstorbenen bei Rolex, reagiert spontan: «Pierre, auch wenn er beschäftigt war, nahm sich stets die Zeit, einem zuzuhören.» Die Liste der in Genf ausgebildeten Uhrmacher ist reich an klangvollen Namen und weltweit bekannten Signaturen. Sie alle, wie auch die weniger bekannten unter ihnen, verdanken dieser Institution und denjenigen, die sie geleitet und dort gelehrt haben, einen Teil ihrer Aura. Die gesamte Schweizer Uhrenbranche trauert über die Grenzen Genfs hinaus.

Zweihundertjahrfeier 2024 an der EPHJ

Es war das andere grosse Projekt, das Pierre Amstutz in Angriff genommen hatte: 2024 wird die Schule ihr zweihundertjähriges Bestehen feiern und sich neben den Jubiläumsfeiern auch an der EPHJ Fachmesse im Palexpo präsentieren. Pierre Amstutz ist auf Lehrvideos verewigt, die fortwährend auf dem YouTube-Kanal des CFPT, sprich der Uhrmacherschule, laufen. Er erzählt dort die faszinierende Geschichte der Zeit, die unaufhörlich voranschreitet und nie eingeholt werden kann. «Ein grosser Mann ist von uns gegangen, er war Ehemann, Sohn, Vater, Freund, Kollege, Mentor, Vorbild und noch viel mehr», schreibt Tiffany Gschliesser auf LinkedIn.

Sie ist Technikerin für Uhrendesign und CAO-Ausbilderin und schliesst sich den zahlreichen Ehrbezeugungen an. «Ich empfand grosse Achtung vor ihm, er war mein Direktor. Bei einer Präsentation im Jahr 2014 hat er in mir die Liebe und die Leidenschaft für die Mechanik der Zeitmessung entfacht. Was er über den Beruf des Uhrmachers sagte, war so aufrichtig, dass es etwas in mir bewegt hat.» 

Joël A. Grandjean

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